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Valerio Stahel
(geboren 1944 in Zürich)

Valerio hat eine Tochter und einen Sohn.
Er ist Physiker und Philosoph und
lebt im Naturpark Cabo de Gata in Andalusien.

Zu unserem Gespräch trafen wir uns am 15. Juni 2010 in Las Casillas, Cabo de Gata.

Altsein ist natürlich in unserem Alter ein Thema.
Ich spüre auch, wie das so üblich ist, dass man vergesslich wird und dass die Energie nachlässt, dass man schneller müde wird, das sind so die allgemeinen Altersphänomene, die ich aus eigener Erfahrung kenne.

Fühlst du dich beeinträchtigt?
Ja, durch die Vergesslichkeit schon. Das andere, dass die Kräfte und die  Energie etwas nachlassen, das beeinträchtigt mich  weniger, weil ja die Anforderungen von Seiten der Umwelt entsprechend zurückgegangen sind. So muss ich nur noch die Anforderungen an mich selbst entsprechend anpassen, und dann geht das auch. Aber die  Vergesslichkeit behindert natürlich insofern als man denkt, wie war jetzt das schon wieder? Und man muss Dinge suchen, von denen  man nicht mehr weiß, wo sie sind, und in welchen Zusammenhang man sie verloren oder verlegt hat, das finde ich mühsam. Von daher fühle ich mich beeinträchtigt.
Irgendwann habe ich  zum Glück auch einen positiven Aspekt der Vergesslichkeit gefunden und das ist der, dass man auch weniger mit der Vergangenheit verhangen ist, dass man mehr im Hier und Jetzt leben kann, wenn man die Vergangenheit vergessen hat, die belastet dann auch nicht mehr. Wenn das Vergangene wirklich vergangen bleibt und man es nicht immer wiederkäut, das, finde ich, ist positiv.


Du erlebst es so, dass Vergangenes weg ist aus deinem Gedächtnis?
Ja, das woran ich mich nicht mehr erinnere, das ist weg, klar. Was nicht heißt, dass es mich nicht irgendwie beeinflusst, denn das wissen wir ja, und das glaube ich auch, dass sich unsere Erfahrungen im Unbewussten ablagern, und auch wenn wir uns nicht mehr daran erinnern können, dass sie doch nachwirken, das nehme ich an. Besonders deutlich sieht man das bei Traumata, wie man es in der psychologischen Literatur finden kann. Dass ganz massive Erfahrungen im Gedächtnis nicht mehr vorhanden sind, so dass man sie abrufen kann, die aber massiv nachwirken und die man ausgraben muss, damit sie mit dem Wirken aufhören können.


 
Ich habe mit 46 gesagt, ich gehe jetzt nach Spanien.

Im Grunde genommen könnte man ja auch sagen, es wird Speicherplatz frei im bewussten Bereich unserer Erfahrungen.
Ich bezweifle, dass das wie beim Computer so genau begrenzt ist. Man sieht ja, dass gewisse Leute enorme Gedächtnisleistungen haben und andere weniger, also die Gehirngröße hat da keinen Einfluss. Ich denke, es ist zu mechanistisch und zu einfach gedacht, die Vorstellung, dass in ein Gedächtnis pro Million Neuronen so und so viele Gedanken oder Erinnerungen reingehen. Wie es genau funktioniert, dass man sich an gewisse Dinge nicht mehr erinnert, oder vielleicht dann plötzlich am nächsten Tag doch wieder, das ist schwierig zu verstehen, denke ich.

Beschäftigt dich in deinem normalen Alltag das Thema Alter?
Ja, jaja. Einerseits wegen dem was ich gerade gesagt habe und andererseits auch natürlich weil ich mir bewusst bin, dass es nicht mehr unendlich weitergeht  und dass ich mich frage, was sollte noch sein, damit ich zufrieden sein kann?


 

Was wäre das?
Ich habe nicht so genaue Vorstellungen. Ich habe nicht so ein konkretes Programm. Also an meinen Philosophiestudien will ich sicher noch weiter machen, und ich möchte noch ein bisschen was zu Papier bringen und einiges durchdenken, aber sonst könnte ich dir jetzt nicht sagen das oder das sollte jetzt wirklich noch sein.

Ich erinnere mich, dass du mal erzählt hast, dass du gern vollkommen unnütze Maschinen bauen würdest.
Das mache ich noch. Das kann ich mir vorstellen, irgendwelche Phantasieroboter, die auf befremdende Art auf die Zuschauer reagieren, denn das, was irritiert, sind ja auch Anregungen. Das nehme ich an, dass ich das noch mache.


Ich hatte noch nie einen Film gemacht, aber ich wollte es versuchen, und das wurde ein Erfolg.

 

Wild? Was fällt dir dazu ein?
Ja, zu wild fällt mir ein, dass ich im äußeren Leben sicher weniger wild lebe als früher, wo ich mit 27 mit zwei kleinen Kindern und meiner Frau für ein bis zwei Jahre nach Japan gegangen bin. Solche Dinge würde ich im Nachhinein als wilden Entschluss eintaxieren, solche wilden Dinge habe ich nicht mehr vor.  Wo ich heute am ehesten die Wildheit bei mir sehe ist auf dem philosophischen Gebiet, wo ich Selbstverständlichkeiten kritisch hinterfrage und sich damit  eingespielte Erklärungsmuster auflösen. Das könnte man vielleicht auch als wild bezeichnen, dass ich da versuche, über Grenzen hinauszugehen und Grenzen weiter rauszuschieben. Wildheit im Denken könnte man vielleicht sagen.

Jetzt hätte ich natürlich wahnsinnig gern eine wilde These von dir.
Eine wilde These, ja, vielleicht ist es für gewisse Leute gar nicht wild, aber  im herkömmlichen Kontext von philosophischer und wissenschaftlicher Literatur ist es eine wilde These, dass es keine absolute Wahrheit gibt, dass jeder sich sein  Weltbild und seine Wahrheit zusammenbastelt.  Jeder hat einfach seine Wahrheit. Und die Wahrheit des einen muss nicht übereinstimmen mit der Wahrheit des anderen.

Ich finde das sehr beunruhigend.
Ja, das ist sicher verunsichernd. Ich denke auch, dieser Glaube an die absolute Wahrheit entspringt einem Sicherheitsbedürfnis. Gleichzeitig behindert er aber auch das Zusammenleben sehr stark, denn, weil wir nicht gleicher Ansicht sind und nur einer Recht haben kann,  muss ich dafür kämpfen, dass du meine Ansicht übernimmst. Während wenn wir mit der Einstellung kommen, dass jeder seine Meinung hat und sie nicht übereinstimmen müssen,  kann jeder in seinem Rahmen Recht haben.


Obwohl Meinung und Wahrheit ja verschieden sind.
Nicht unbedingt. Wenn es nur eine Wahrheit gibt und ich überzeugt bin, dass ich sie besitze oder ich sie erkannt habe, dann muss ich alle anderen überzeugen, dass es so ist. Und alle, die widersprechen, die muss ich bekämpfen.

Und wenn ich sie nicht bekämpfe, dann werte ich sie zumindest ab.
Ja, und das stört das Zusammenleben, während wenn jeder die Wahrheit des anderen als gleichberechtigt akzeptieren kann, dann darf jeder seine Wahrheit behalten, ich muss mich dann nicht einer anderen Wahrheit anpassen. Es kann mich interessieren, was deine Wahrheit ist, denn vielleicht kann sie dazu führen, dass ich meine Wahrheit weiter entwickele,  deshalb interessiert mich die Wahrheit anderer Leute, aber ich muss sie nicht übernehmen, ich muss sie nicht widerlegen, ich muss sie nicht werten, es ist einfach eine andere.

 

Ich sitze manchmal auf einer Parkbank und betrachte spielende Kinder und anderes Geschehen.

 

Aber mit so viel Flexibilität in der Wahrheit, das bedeutet doch auch, dass für mich im Laufe meines Lebens die Wahrheit wechseln kann.
Ja durchaus. Klar.

Das heißt, ich kann auch nie sicher sein, dass das, was ich gestern als Wahrheit empfunden habe, heute noch funktioniert.
Jaja, auf jeden Fall. Die Wahrheit ändert sich ständig.

Das deckt sich mit meinem Ansatz im Thema Alter, weil ich glaube, dass im Alter vieles sich zu ändern hat, und wenn man das hinkriegt, dann kann ein Leben im Alter vollkommen anders aussehen als man landläufig denkt, dass Alter nämlich vor allem Verfall und Degeneration sei. Nur muss man sehr wohl offen sein für die vielen Facetten der Veränderung also möglicherweise eben auch offen für eine andere Wahrheit.
Ja und da geht es direkt zum dritten Stein über, zur Weisheit. Es ist auch meine Erfahrung, dass ich, als ich jung war, viel mehr klare Überzeugungen hatte und dann dachte, das ist so und das ist nicht so, also wie schwarz und weiß. Und je älter ich wurde, desto kleiner wurde der Bereich dessen, was sicher ist und auch dessen was sicher nicht ist, und umso größer wurde der Zwischenbereich, wo ich sage, jaja, das kann man so sehen oder so sehen, das ist vielleicht so, oder ich weiß auch nicht, also dieser unsichere Zwischenbereich wird immer größer und das, was absolut feststeht, wird immer kleiner, und das ist für mich ein Kennzeichen von Weisheit.

 

Das widerspricht ja dem gängigen Bild von alten eingegrenzten Menschen, die alles feststehend sehen.
Ja, diese sturen Alten, das ist das Gegenteil von Weisheit. Wenn man sich so stur festkrallt an irgendwelchen Denkgewohnheiten, das ist grad das Gegenteil von Weisheit. Für mich besteht die Weisheit in Flexibilität und dass man die anderen anerkennt.

Du hast das vorhin gut nachvollziehbar beschrieben, dass du mit zunehmendem Alter immer mehr Unsicherheit erlebt hast, und offensichtlich auch aushalten kannst.
Ja wirklich, ich glaube, das gehört dazu, sonst kann man diesen Denkschritt nicht machen, wenn immer das Sicherheitsbedürfnis dazwischenfunkt und eine klare Entscheidung will.

Für mich besteht die Weisheit in Flexibilität und dass man die anderen anerkennt.

 

Jetzt bist du aber für mich ein Mensch, der absolut Sicherheit ausstrahlt, offensichtlich liegt deine Sicherheit auf einem anderen Gebiet, oder?
Ich glaube dieses Differenzieren muss nicht zur Verunsicherung führen. Man kann ja die Erfahrung machen, dass man genauso gut lebt oder vielleicht sogar besser, wenn man zu dieser Einstellung kommt, dass vieles unsicher ist und man vieles nicht wissen kann, vor allem weil man dann auch einsieht, dass das Sich- Festklammern einfach aus dem Sicherheitsbedürfnis heraus geschieht, dass es aber nicht mehr Sicherheit gibt, sondern quasi eine Illusion von Sicherheit.

Ich glaube, das Bedürfnis nach Sicherheit möchte gestillt werden, oder?
Jaja, und dann fixiert man irgendetwas, und wenn man aber zugibt, dass es unsicher ist und dass man es eigentlich nicht weiß und dass man die Erfahrung gemacht hat, dass sich die eigenen Ansichten entwickeln und was früher galt, findet man heute nicht mehr, macht man ja gleichzeitig die Erfahrung, dass man trotzdem lebt. Also das Leben funktioniert trotzdem, auch wenn man zugibt, dass man nicht weiß. Ich denke die Lebensfähigkeiten haben wir mit den Tieren gemeinsam, und die wissen noch viel weniger als wir, aber  sie leben genauso, sie sind in ihrem Leben keineswegs mehr bedroht weil sie weniger wissen.

Bist du sicher? Das finde ich jetzt eine gewagte Aussage, ich habe noch nicht drüber nachgedacht, aber...
...doch, man muss es jetzt vielleicht differenzieren, also es gibt das implizite Wissen wie Michael Polanyi  das nennt, ein Wissen, das man nicht erklären kann, körperliche Fähigkeiten zum Beispiel. Wieso kann man Fahrradfahren? Man kann das nicht erklären, man spürt irgendwie, wie das gehen muss, und plötzlich fährt man Fahrrad, ohne dass man es erklären muss: also jetzt musst du mit dem linken Fuß und dann, wenn es sich nach rechts neigt, nimmst du die rechte Hand  und so weiter, sondern das ist implizites Wissen. Es gibt sehr viele Dinge, die wir im Leben richtig machen ohne dass wir das jemals explizit ausformuliert und durchdacht hätten, und nach dem beurteile ich unsere Lebensfähigkeiten.

Hat das was mit Instinkt zu tun?
Ja, auch, wobei implizites Wissen auch angelernt sein kann. Wie das  Radfahren, das ist nicht instinktiv, das probiert man mal aus und zuerst geht es nicht so recht und irgendwann hat man es, also es geht nicht nur um Instinkt, aber man könnte ihn da einreihen.

Weisheit wird ja oft assoziiert mit viel Wissen.
Das sehe ich nicht so, für mich ist Weisheit nicht unbedingt viel Wissen. Was ich eher sagen würde ist: viel Erfahrung, also Erfahrung, die verarbeitet wurde. Ich kann mir nicht ein weises Kind vorstellen, obwohl Kinder auf ihre Art eine gewisse Weisheit haben, aber ich glaube Weisheit basiert auf Lebenserfahrung.

 

Die Wahrheit des einen muss nicht übereinstimmen mit der Wahrheit des anderen.

 

Aber Lebenserfahrung allein, das ist ja klar, dass sie nicht automatisch zur Weisheit führt, was muss dazu kommen, deiner Meinung nach?
Ich denke es kommt dazu, wie man die Erfahrungen verarbeitet, wie man sich weiter entwickelt aufgrund dieser Erfahrung, wie sie ins eigene Unbewusste einfließt und was sich da herausbildet. Zur Weisheit gehört auch eine gewisse Gelassenheit, dass Dinge, die mich früher genervt haben, mich heute nicht mehr nerven, das fühle ich als Wohltat des Älterwerdens, dass sich das auch entwickelt. Das kann um ganz banales Zeug gehen. Das ist mir letzthin aufgefallen, als ich auf dem Dach die Fernsehantenne repariert habe, und dann hatte es da eine Schraube auf die der Schraubenzieher nicht passte, den ich mit raufgenommen hatte, also ging ich runter, zwei drei Stockwerke, um den  passenden Schraubenzieher zu holen, und nachher merkte ich, dass ich noch einen Draht brauchte, also wieder runtergehen, Draht holen, und dann irgendwie kam noch dieses und jenes, und so ging ich vier, fünf Mal rauf und runter, und früher hätte mich das genervt, da hätte ich gedacht, wieso habe ich nicht eine Werkzeugkiste, in der alles drin ist, aber ich war ganz ruhig, also gehe ich noch ein fünftes Mal runter, das spielt doch keine Rolle. Ich habe wohltuend bemerkt, dass ich es mir nicht einreden muss, dieses Gefühl ist wirklich da: es macht doch nichts.

Und daran hast du hoffentlich Freude gehabt.
Jaja, eben wenn ich merke, dass Leute sich für Ideen groß einsetzen, die mir fremdartig erscheinen, dann denke ich, jaja, gut, so kann man auch denken, wieso nicht, ich muss dann gar nicht unbedingt  Stellung nehmen. Wenn ich aber denke, es gibt vielleicht ein interessantes Gespräch, dann nehme ich Stellung dazu, klar, aber es muss nicht sein, ich kann die Leute auch so akzeptieren.

Würdest du sagen, du bist toleranter geworden?
Jaja, diese Gelassenheit im Umgang mit Menschen könnte man auch Toleranz nennen. Ich bemerke auch bei mir und andern, dass sich die Persönlichkeit aufs Alter festigt. Ich spüre klarer "so bin ich - und so nicht", weshalb auch die Unterschiede zu Gleichaltrigen deutlicher hervortreten als zu der Zeit, als wir jung waren. Da besteht dann die Gefahr, dass man stur wird, aber es besteht auch die Möglichkeit, dass man die Vielfalt akzeptiert oder sogar begrüßt und entsprechende Toleranz entwickelt. Diese fällt natürlich leichter, wenn man durch die Festigung der Persönlichkeit mehr Selbstsicherheit gewonnen hat und damit durch andere Ansichten und Haltungen weniger schnell verunsichert wird. Die Festigung kann also durchaus mit mehr Offenheit gepaart sein.
Und ein weiteres Element, das ich beim Älterwerden für wichtig halte, ist, den Humor nicht zu verlieren. Der Begriff Spleenager hat mich sehr amüsiert. So nennt der Autor Dietmar Bittrich alte Menschen, die  skurriles Verhalten zeigen oder Spleens entwickeln oder wenn ein alter Mensch völlig aus dem Rahmen fällt, weil er geistig  ziemlich weit weg ist vom Üblichen. Das mit Humor zur Kenntnis zu nehmen finde ich gut und diese Menschen als Bereicherung der gesellschaftlichen Vielfalt anzusehen.
Ich finde aber auch, dass der Humor sich auf sich selbst beziehen sollte, also die Selbstironie, dass man sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Wenn man das so sagt, sich selbst nicht ernst zu nehmen, dann tönt das etwas seltsam, aber es ist schon auch ein wichtiger Aspekt. Ich weiß nicht, wie man das genauer ausformulieren könnte… ja, vielleicht einfach so, wie wenn man sich selber von außen betrachten würde, und sich über sich selber lustig macht. Das nimmt auch die Schwere, und Dinge, die man dramatisieren kann, die kann man auch entschärfen durch diese Selbstironie.

Gelassenheit und Humor scheinen zwei wichtige Aspekte für schönes Altwerden zu sein.
Im Zusammenhang mit der Gelassenheit gelingt es mir auch immer besser, im Sinn von Eckhardt Tolle im jetzigen Moment zu leben. Ich sitze manchmal auf einer Parkbank und betrachte spielende Kinder und anderes Geschehen, oder zu Hause auf der Terrasse die Landschaft, ohne weitere Absicht und lasse die Gedanken frei schweben. Oder ich fasse das Gehen als Tätigkeit auf, achte darauf, wie verschiedene Rhythmen oder Körperhaltungen beim Gehen unterschiedliche Stimmungen in mir bewirken. Früher war Gehen meist nur Mittel zum Erreichen eines Ortes, und für Momente, in denen nichts zu tun war, hatte ich stets Lektüre zur Hand. Dazu fällt mir eine Geschichte von früher ein. In der Rekrutenschule war ich Fahrer von Panzerattrappen. Während sich die Kollegen in Stellung brachten, um dann mit Gummigeschossen auf mein Gefährt zu schießen, las ich bis zum Kommando zum Losfahren in einem Philosophiebuch, sehr zum Erstaunen meiner Kollegen. Jede Zeit musste genutzt werden, keine Zeit "verlieren"! Wie wenn man Zeit verlieren könnte ...

 

Ich spüre auch, dass man vergesslich wird.

Das Gehen als Tätigkeit zu definieren gefällt mir.
Ich spüre auch, wie ich lerne, meine Sensibilität zu differenzieren. Um das tägliche Bombardement mit Horrornachrichten in den Medien zu ertragen, muss ich mich abstumpfen, die Sensibilität reduzieren. Da besteht natürlich die Gefahr, dass ich auch gegenüber meiner direkten Umgebung abgestumpft werde. Ich bin am Lernen, das zu differenzieren, auf meine Mitmenschen sensibler zu reagieren und doch nicht nach jeden Fernsehnachrichten in eine Depression abzustürzen. Ich versuche, neben dem eindrücklichen Sturz eines Baumes im Wald, auf den die Medien fixiert sind, die tausend anderen Bäume nicht zu vergessen, die still am Wachsen und viel wesentlicher sind.

Ich würde gern noch mal auf das Wilde in deinem Leben zurückkommen.
Ja, die Frage ist, wie man wild definiert, man könnte ja auch ungewöhnlich sagen. Dass wir ausgewandert sind aus der Schweiz, das ist ja auch etwas Ungewöhnliches. Fast alle Schweizer bleiben in der Schweiz, ihr Leben lang, und ich habe mit 46 gesagt, ich gehe jetzt nach Spanien. Dabei hätte ich mich dort gerade am Gymnasium, wo ich unterrichtet habe, um eine freie Stelle bewerben können, wo ich Chancen gehabt hätte, lebenslänglich eine Stelle zu haben, aber ich habe gesagt, nein, ich will jetzt etwas Neues, jetzt gehen wir nach Spanien.

Das hat dir auch nie leid getan.
Nein nein, im Gegenteil.

Ich finde ja auch spannend, die Filme, die du jahrelang gemacht hast.
Ja, es hat sich so ergeben, die Filmerei hat sich zufällig ergeben, indem mein Boss bei der  Autolärmfirma damals gesagt hat, ob ich nicht statt eines Vortrags einen Film zeigen möchte über das Thema. Es ging darum, dass in dieser Firma alle zwei Jahre eine internationale Konferenz in der Schweiz organisiert wurde, wo Spezialisten aus der ganzen Welt für Autolärm zusammenkamen, das waren so hundertfünfzig Leute, die kamen für zwei Tage nach Zürich, und da wurden Vorträge gehalten über das, was es Neues gibt auf dem Gebiet der Autolärmbekämpfung. Und da ich als Physiker innerhalb der Firma, bei der ich damals arbeitete, auf diesem Gebiet forschte, hatte ich alle zwei Jahre natürlich etwas zu präsentieren. Ich hatte noch nie einen Film gemacht, aber ich wollte es versuchen, und das wurde ein Erfolg.

 

Das war in den siebziger Jahren, da war es noch gar nicht üblich, dass man auf Konferenzen Filme zeigte, und all die Overheadprojektoren das gab es noch nicht. Zwei Jahre später haben wir wieder einen Film gemacht,  da konnte ich es schon besser, learning by doing eben.  Und so habe ich im ganzen zehn Filme über das Thema Autolärm gemacht, und wie ich dann den zehnten Film fertig hatte, das war gleichzeitig ein Rückblick über 50 Jahre Autolärmbekämpfung,  da war dann für mich das Thema erledigt, und ich habe gesagt, das hat keinen Sinn, dass ich das jetzt weitermache nur weil es sich so gut eingespielt hat. Und gleichzeitig habe ich dann gedacht, ich habe etwas gelernt, was in anderem Zusammenhang interessant sein könnte und habe es dann bei Senior Expert Corps angegeben.

Die Wahrheit ändert sich ständig.

 

Was ist das für eine Organisation?
Die gibt es in allen Ländern.  Da kannst du dich als Pensionierter zur Verfügung stellen, um in einem Entwicklungsland deine Berufserfahrung einzubringen und dort dein Wissen und Können zu vermitteln.
Das ist eine unentgeltliche Tätigkeit, weil du ja von deiner Rente lebst, aber sie zahlen die Reisekosten und Unterkunft und Verpflegung. Und denen habe ich also gesagt, dass ich solche Filme gemacht hatte und gefragt ob es vielleicht interessant wäre für die Entwicklungshilfe. Ich kam daraufhin zwei Mal nach Costa Rica und habe dort Filme gemacht. Zuvor war ich auch in Pakistan, dort ging es aber nicht um Filmen sondern um Informatik. Ich habe dort einen Informatikkurs gegeben, an einer Schule, wo sie von der Industrie  Computer zur Verfügung gestellt bekommen hatten. Die Lehrer  hätten gern ihre Schüler in Informatik unterrichtet, aber sie wussten selber nicht wie es ging, also musste ich einen Informatikkurs für die Lehrer geben.

 

Ich muss nur die Anforderungen an mich selbst anpassen.

Wie alt warst du als du das gemacht hast?
Da war ich 57. Ich war bei diesem Senior Expert Corps in der Schweiz damals der jüngste. Ich hatte mich mit 55 dort eingeschrieben obwohl ich noch nicht Rentner war, aber ich habe gesagt, ich bin flexibel, ich bin autonom, ich kann  da meine Dienste anbieten, und die haben gesagt ja, ok.
Im Senior Expert Corps  gibt es Leute aus allen möglichen Berufsgattungen, die sich da einschreiben. Man wird für ein bis drei Monate in ein Land geschickt, aber man kann natürlich selber sagen, wie viel man arbeiten kann und will, zum Beispiel mehr als einen halben Tag kann ich nicht. Es geht darum, die Leute in den Entwicklungsländern so zu instruieren, dass sie nachher allein weitermachen können. Ich finde es eine sehr vernünftige Tätigkeit, dass man das, was man während seines Lebens akkumuliert hat, nach der Verrentung weitergibt.

Manchmal habe ich übrigens den Eindruck, dass sich der Lebenskreis aufs Alter hin in gewisser Weise schließt. Zum Beispiel bei meiner philosophischen Arbeit, in der Themen wichtig werden, die mich schon in der Jugend beschäftigt haben. Letzthin stieß ich auf das Manuskript eines Vortrags, den ich an einer Maturitätsfeier der Maturitätsschule für Erwachsene gehalten habe, als ich 25 Jahre alt war. Der Titel war: "Gefahren physikalischen Denkens". Das Publikum war wohl erstaunt, dass ausgerechnet der Physiklehrer dieses Thema präsentiert. Heute ist es in meiner Philosophie zentral für die Überwindung des materialistischen Weltbildes. Auch in anderem Zusammenhang komme ich jetzt auf jene Zeit (1969) zurück: In zwei Jahren werde ich 68 Jahre alt sein, somit zum zweiten Mal in meinem Leben ein 68er. Das freut mich, denn ich identifiziere mich - im Gegensatz zu vielen meiner damaligen Mitstreiter - nach wie vor mit den damaligen Grundanliegen - Gleichberechtigung der Frau, antiautoritäre Erziehung und freie Liebe statt Kanonen "Make love not war".

 

Als ich jung war, hatte ich viel mehr klare Überzeugungen.

 
   
       
 
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