Home Porträts Alterskultur Links
Thema Großeltern Über uns Kontakt
     
 

Frauenporträts

Männerporträts

Karl
Arimond
Hans
Bömer
 
Valerio
Stahel
 
Louis-Armel
Bourdon
Heinz
Peters
Florian
Fischer
 
   
 
     
 
Hans Bömer
(geboren 1953 in Neede, Niederlande)

Hans ist Maler und Bildhauer und lebt im Naturpark Cabo de Gata. Er hat einen Sohn.

Unser Gespräch führten wir am 22.1.2012 in El Pozo de los Frailes.

Ich fange mal mit weise an.

Was verbindest du mit weise?
Die Erfahrung der Jahre, die hinter mir liegen. Die Fehler, die man in den vergangenen Jahren gemacht hat und daraus schließend, dass gewisse Fehler nicht mehr gemacht werden. So hoffen wir.

Geht es darum, Fehler zu vermeiden.
Nein. Ich bin jetzt so weit, dass ich zu meinen Fehlern stehe. Fehler können auch immer wieder gemacht werden, sollten aber keine Priorität haben. Ich lasse mich leben. Ich lebe mit anderen und mit mir selber und komme sehr gut damit klar. Auch mit meinen Fehlern.

Kommst du heute besser damit klar als früher?
Viel besser. Das ist nicht vergleichbar.


 

Würdest du mal einen deiner Fehler nennen, oder sind die geheim?
Nein, die sind nicht geheim. Das gehört ja auch mit zu den Erfahrungen, die man im Lauf der Jahre gemacht hat, dass gewisse Fehler, die man früher verheimlicht hat, dass man da jetzt offen drüber sprechen kann. Ein Fehler war, Menschen so zu verletzen dass sie Todesängste hatten und auch, dass ich mich selbst sehr verletzt habe.

Wie soll man alt definieren?

 
   
 
Warst du ein Schläger?
Nein, ich war kein Schläger. Keineswegs. Ich war drogenabhängig. Das ist lange her, und ich habe damals Sachen gemacht, die ich jetzt bedaure. Aber es hat mich auch geprägt, so zu werden wie ich jetzt bin und hier sitze. Mich haben Menschen immer interessiert und Menschen sind immer zu mir gekommen, und das passiert auch heute noch.
 

Ich kam aber damals mit mir selbst nicht klar und hatte große Probleme und bekam nie Hilfe. Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Mit dreizehn, vierzehn war ich ein sehr schüchterner Mensch und habe diese Schüchternheit mit Alkohol runtergespült. Ich hatte dann viele Freunde durch den Alkohol, denn ich hatte immer Geld, das mir allerdings nicht gehört hat, aber ich habe es ausgegeben für die Freunde, und wenn ich kein Geld hatte, war ich der einsamste Mensch der Welt. Irgendwann konnte ich den Alkohol nicht mehr bezahlen, und da bin ich auf andere Drogen umgestiegen, weil die billiger waren. Und das ist dann ausgeufert. Aber ich bin froh, dass ich diese Lehre machen durfte, denn so habe ich das Leben ganz anders kennen gelernt. Ich habe auch die negative Seite gesehen und weiß, wie tief man fallen kann. Und ich weiß auch, wie schön das Leben sein kann. Auch durch das, was Jahrzehnte später passiert ist. Ich hätte auch schon Jahrzehnte tot sein können.

 

Ich habe den Tod auch schon vor Augen gesehen.

 

Wann war der springende Punkt?
Das war als ich zwanzig war. Da musste ich zum Bund, und da habe ich mich geweigert ein Gewehr wieder zusammen zu setzen, und das ist Befehlsverweigerung, und da kam ich in den Knast und von da sofort  in die Psychiatrie. Und da war ich sechs Wochen.

Das war alles in den Niederlanden.
Ja. Und danach war ich clean und habe noch ein Jährchen gebraucht, um das alles zu verarbeiten. Aber ich konnte mit meinem Leben nichts anfangen. Und dann fängt man an zu denken und muss überlegen, was man macht. Die Freunde, die man hatte, waren das wirklich Freunde? Und wenn man jung und schüchtern ist, und sich in den Mittelpunkt stellen möchte, dann lügt man und sagt die Unwahrheit. Und den paar Leuten, die mir als Freunde geblieben waren, denen zu sagen, hallo Leute, das, was ich euch damals mal erzählt habe, das hat nichts mit der Wahrheit zu  tun, das ist für mich damals eine große Überwindung gewesen. Und ich bin hinterher so froh gewesen, dass alles so positiv angenommen worden ist, dass das für mich ein Anlass war zu sagen, ich muss mein Leben neu anfangen und neu organisieren. Und dieser Neuanfang ging meiner Ansicht nach nur durch eine Flucht aus meinen alten Verbindungen, denn ich hatte ja nur Freunde in Drogenkreisen und halbkriminellen Kreisen, und aus meiner Sicht ging das nur durch eine radikalen Schnitt.


Ich wollte dann nach Italien, bin aber nicht weiter gekommen als in den Großraum Wuppertal. Weil ich da durch Zufall Hella kennen gelernt habe.

Lass uns mal versuchen bei dem Begriff weise zu bleiben. Du sagst ja die Lebenserfahrung führt zur Weisheit. Aber doch nicht automatisch, oder?
Das muss nicht automatisch sein. Es hat  mit dem Werdegang der einzelnen Person zu tun, ich kann in diesem Fall nur von mir sprechen.


Und ich weiß auch, wie schön das Leben sein kann.

 
   

Was glaubst du, was man braucht, damit aus der Lebenserfahrung Weisheit wird?
Weisheit muss ja nicht unbedingt mit Alter zu tun haben. Es ist ein Privileg alt zu werden. Und Weisheit ist auch schön. Wenn ab einem gewissen Alter gesammelte Werke und Erinnerungen zusammen gefügt werden können und dann als ein Buch wieder aufgeklappt werden können. Aber nicht bei jedem ist das so. Es gibt Sachen, die man in der Jugend erlernt und geschätzt hat, kennen gelernt hat, und die später weg sind. Bedingt auch dadurch, dass man bestimmte Lebensabschnitte hat. Ich sehe mein Leben so, dass ich immer Abschnitte habe, in denen ich etwas anfange und weiß, dass ich es schaffe. Und dann kommt immer eine Zeit, in der ich das überdenken muss, weil ich an körperliche oder geistige Grenzen komme.


Könnte man sagen, dass du in jedem Fall Grenzerfahrungen machen musst.
Ich mache immer Grenzerfahrungen. Ich versuche auch gerne Grenzen zu überschreiten und diskutiere gerne mit Menschen, die  gleiche Erfahrungen wie ich machen durften, um durch das Gespräch wiederum neue Erfahrungen machen zu können.

Ich würde jetzt ganz gerne mit dir zu einem der anderen beiden Begriffe springen, zu wild oder zu alt?
Machen wir wild.

Ok. Was fällt dir auf dich bezogen zu wild ein?
Ganz wenig komischerweise. Man vermutet vielleicht, dass ich progressiv und aufgeschlossen bin, und das mag ich vielleicht auch sein, aber ich fühle mich nicht als wilder Mensch. Überhaupt nicht. Weder körperlich noch geistig.

 

Ich fühle mich von dem Wort wild überhaupt nicht angesprochen.

   

Würdest du sagen, das Wort wild sagt dir gar nichts auf dich bezogen?
Ich bin eher konservativ komischerweise. Aber wie meinst du das mit wild? Wie definierst du wild?

Mir geht es nicht um eine Definition, sondern um eine freie Assoziation zu dem Wort. Ich möchte das nicht definieren, sondern offen lassen.
Ich empfinde mich als ganz normalen Menschen, der seine Vorlieben und seine Abneigungen hat. Andere sehen mein Leben etwas außer der Reihe, aber ich empfinde es nicht so. Wild? Nein. Ich fühle mich von dem Wort wild überhaupt nicht angesprochen.

 

Gut, dann würde ich dich bitten, etwas zu alt zu sagen.
Alt. Ja. Was ist alt? Ich kenne Menschen, die zwanzig sind, und die sind alt, und ich kenne Menschen, die sind achtzig und hüpfen rum, geistig und auch körperlich. Die sind jung. Wie soll man alt definieren? Vom Aussehen her? Erfahrung? Alt wurde ja bis vor Kurzem in den Medien ziemlich negativ  dargestellt, und wird es teilweise immer noch. Ich kann mich damit nicht identifizieren. Alt ist das Gefühl, wenn man als junger Mensch jemanden sah, der sechzig oder siebzig ist. Ich muss gestehen, ich habe nicht das Gefühl, dass ich alt bin. Gewisse Sachen ja, ich habe Verschleißerscheinungen, wie jeder andere auch. Ich habe gelernt, dass es Sachen gibt, über die ich früher gelacht habe, die ich aber heute mache. Ich fand zum Beispiel Wandern blöd. Heute mache ich es, weil ich weiß, es tut meinem Körper gut. Und es ist auch nett mit angenehmen Leuten durch die Gegend zu rennen. Man muss akzeptieren, dass gewisse Sachen nicht mehr so laufen wie sie mal liefen, aber dafür gibt es neue Sachen, die man früher nie in Betracht gezogen hat und die man jetzt ganz anders wahrnehmen kann. Da ist so eine gewisse Gelassenheit. Man regt sich nicht mehr so leicht über Nichtigkeiten auf.

Ich mache immer Grenzerfahrungen.

 
 

Glaubst du im Alter ist es einfacher ehrlich mit sich selbst zu sein als in jüngeren Jahren?
Alter hat mit einer Begrenzung zu tun, dass man sagt, mir bleibt noch ein Rest Zeit, und diese Restzeit ist oft mit Unannehmlichkeiten verbunden. Und dann kann man sich selbst einen Spiegel vorhalten und sich sagen, mir geht es eigentlich gut, aber wenn man das Licht ausmacht, wieder nicht. In früheren Zeiten war man mit dreißig vierzig alle. Der Körper war hin, und es ging nichts mehr. Heute werden wir über hundert. Ist das ein Segen? Möchte man so alt werden? Und ob das für jeden so gut zu verdauen ist, ist so eine Sache.

Wie ist es für dich?
Ich habe immer schon viel über den Tod nachgedacht. Ich habe den Tod auch schon vor Augen gesehen. Ich habe es trotzdem geschafft und habe viel daraus gelernt. Jetzt im Alter kommt man doch anders ins Grübeln, und der Tod wird wieder aktuell. Man hat das Umfeld, in dem der eine oder andere kränkelt, und man sieht Freunde sterben, und man muss sich damit beschäftigten, dass man nur noch eine begrenzte Anzahl von Jahren hat. Und die Umsetzung ist je nach Gemütsverfassung nicht immer einfach. Es gibt gute Momente und schwache Momente. Die hat man oft, wenn man alleine ist. Und ich glaube, dass jeder Mensch allein mit sich damit kämpft.

 

Ich bin jetzt so weit, dass ich zu meinen Fehlern stehe.

 

Und es hat dann auch wieder damit zu tun, was man geschaffen hat im Leben. Ich habe früher Menschen bedauert, so Sechzig-  Siebzigjährige, die nur über die Vergangenheit sprachen, wo ich gedacht habe, das machst du nie. Und jetzt bin ich soweit und denke auch über das Vergangene nach. Aber ich behaupte von mir, dass ich das Vergangene versuche umzusetzen in die Zukunft. Man lernt sich selbst nur dann kennen, wenn man in Grenzsituationen kommt, wo man zu entscheiden hat, welchen Schritt man macht. Und da durfte ich einige machen, die nicht geplant waren, und dadurch hat man mich jetzt so wie ich bin.

 
       
 
   
       
 
Impressum