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Brigitte Ponstein

Das Gespräch führten wir am 11. Februar 2013 in Berlin Wilmersdorf.

Wenn du hörst "anders als früher", was fällt dir dazu als Erstes ein?
Mir fällt als Erstes ein, dass ich mich heute als Wohnnomadin verstehe.
Früher war ich fest gebunden an einen Ort, und das hat sich geändert.
Ich bin leichter geworden, ohne irgendwelche großen Möbel und kann mich sehr schnell von einem Ort an einen anderen begeben.
 
 

Wann ging das los mit dem Nomadenleben?
Das ging los im Jahr 2001, ich war damals einundsechzig.

Gab es einen bestimmten Moment, oder war es ein Prozess?
Das war eigentlich kein Prozess. Nachdem ich in Vorruhestand gegangen und aus der Politik ausgetreten bin, von den Grünen weg und aus dem Parlament, in dem ich fünfzehn Jahre tätig war, habe ich für mich entschieden: so, jetzt muss ich mein Leben im Alter gestalten, und das kann nicht im ländlichen Bereich sein, sondern das muss die Großstadt sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, im ländlichen Bereich alt zu werden.

Wo hast du damals gewohnt?
Ich habe in Zweibrücken gewohnt, das gehört zu Rheinlandpfalz, ist aber an der Grenze zum Saarland, wo ich herkomme.

In welchem Parlament warst du?
Ich war Im Stadtrat, als Grüne, fünfzehn Jahre lang.

War es schwer, deine Idee vom Lebengestalten im Alter umzusetzen?
Nein. Das ging irgendwie automatisch. Ich hatte mir eine Wohngemeinschaft vorgestellt. Nicht aus dem Aspekt, dass ich unbedingt nicht allein sein möchte, sondern aus einem sozial-politischen Aspekt heraus. Ich wollte mir nicht vorstellen, dass die Alten immer allein irgendwo für sich sein müssen oder sollen. Weil das ja auch schon gar nicht mehr gehen wird, wenn man sich die demografischen Zahlen ansieht. Da war für mich ganz klar: Wohngemeinschaft.
Mich hat zusätzlich ein BRIGITTE-Artikel motiviert. Da wurden fünf Frauen dargestellt, die im Alter in einer Wohngemeinschaft leben möchten. Mit zweien habe ich Kontakt aufgenommen, die waren in Berlin.
Beide sind dann sehr schnell wieder von diesem Gedanken abgekommen, so dass ich alleine war.
Ich bin dann mit meiner Idee hausieren gegangen und in Wohnprojekte eingestiegen, wo ich die Idee propagiert habe. Dann aber habe ich gemerkt, dass die meisten solche Nähe nicht wollten. Sie wollten ein Hausprojekt, also abgeschlossene Türen und nur Gemeinschaft wenn sie es wünschen.

Wolltest du das dann auch?
Nein. Trotz allem, dass ich so gar niemanden hatte, der mit mir zog, habe ich propagiert, dass man in einem solchen Hausprojekt, vielleicht oben oder unten, eine Wohngemeinschaft gründen könne. Man hätte damit auch Gemeinschaftsräume schaffen können für alle im Haus.

Steht diese Idee bei dir immer noch?
Das ist ein Traum. Aber dieser Traum ist geplatzt. Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass wir im Alter zu egoistisch sind und nicht mehr diese Großzügigkeit haben, alles zu tolerieren und auf alles einzugehen, oder sich bestimmte Dinge sagen lassen zu müssen. Manche Frauen haben mir auch gesagt, dass sie nach all den Jahren mit Mann und Kindern jetzt nicht mehr zurückstecken wollen.

Ich würde gern noch bei dir bleiben. Du hast in deinem Leben unterschiedliche Lebenssituationen gehabt.
Ja. Ich war verheiratet, bin noch verheiratet, lebe aber schon sehr lange getrennt. Ich habe einen Sohn, einen Enkel und habe immer das gemacht, was ich machen wollte. Ich habe ein zweites Studium gemacht, Behindertenpädagogik und bin bei den Grünen in die Politik gegangen.
In jungen Jahren ist man belastbar. Später, mit sechzig, ist man das weniger.
Ich habe das am Anfang nicht so gemerkt. Erst in der Diskussion mit anderen, meist mit Frauen, habe ich gemerkt: ich will das nicht mehr, dass mir morgens jemand sagt: ich esse das Brot nicht, das du so
schief geschnitten hast.

Man kann aber sagen, dass du in jedem Fall versucht hast, deinen Traum zu verwirklichen.
Ich habe zehn Jahre lang versucht, meinen Traum von der Wohngemeinschaft zu verwirklichen. Von Wohngemeinschaft zu Wohngemeinschaft. Und ich habe auch immer wieder zwischendurch alleine
gewohnt, aber immer mit dem Traum.

Dafür bist du von der Kleinstadt in die Hauptstadt gezogen.
Ja. Ohne Möbel ohne alles und habe erstmal rausfinden wollen, ob ich überhaupt wohngemeinschaftsfähig bin.

Hattest du irgendwelche persönlichen Bezüge nach Berlin?
Ja. Meine zehn Jahre jüngere Schwester wohnte in Berlin. Sie war noch im Berufsleben und hatte solche Vorstellungen nicht.

Kannst du dich noch erinnern, was sie zu dir und deinem Traum gesagt hat?
Ja. Sie hat mich auf den BRIGITTE-Artikel aufmerksam gemacht. In meiner Familie fanden das alle gut, was ich machen wollte. Meine andere Schwester wohnt schon seit zwanzig Jahren zusammen mit ihrem Mann in einer Wohngemeinschaft mit einem anderen Ehepaar. Sie teilen sich die Küche, den Wintergarten und den Garten. Die haben je für sich eine Etage in einem Haus.
Ich habe natürlich auch davon geträumt, eine Wohngemeinschaft in einer Villa oder in einem Haus in Dahlem mit Garten oder so zu machen. Aber sehr schnell hat mich der realistische Aspekt eingeholt, dass ich das Geld dafür nicht habe. Ich habe auch gesehen, dass die meisten Frauen, die ich in den verschiedenen Wohnprojekten getroffen habe, nicht das Geld dafür gehabt haben.
Ich habe auch unterschiedliche Stadtteile ausprobiert und Wohngemeinschaften unterschiedlichen Alters und Gechlechts. Aber man muss sagen, ich war immer die Älteste. In einem ehemaligen Besetzerhaus, was die jetzt gekauft haben, das waren überwiegend junge Leute, die fanden das unmöglich, dass ich als ältere Frau versuche, eine WG im Alter zu gründen.

Was fanden die unmöglich?
Das waren junge Leute, die beruflich aufgestiegen waren, und wahrscheinlich haben sie an ihre Eltern gedacht und sich nicht vorstellen können, dass ihre Eltern das auch mal machen würden. Die empfanden das wie einen sozialen Abstieg. So nach dem Motto, die hat es nicht geschafft. Die haben nicht verstanden, dass es eine Idee ist, für mich im Alter mit anderen in einer WG zu wohnen und dass das eine Lebensqualität sein kann und nicht ein Abstieg.

Würdest du jetzt sagen, du hast deinen Traum begraben?
Ich hatte ihn begraben. Aber jetzt, nachdem ich wusste, dass du zum Interview kommst, schaut er wieder so ein bißchen raus, und deshalb war ich auch heute so ein bißchen deprimiert und hatte so ein Bauchgrumeln, weil das alles, was ich für mich abgeschlossen hatte, wieder aufwühlt. Der Traum und der Wunsch waren plötzlich wieder da.
Und ich habe sie wieder vor mir gesehen und wie ich dafür gekämpft habe. Ich bin auch nach wie vor der Meinung, dass es im Alter wenig Menschen gibt, mit denen man in einer WG zusammen wohnen kann.

Hältst du dich selbst für WG-tauglich?
Ich glaubte das. Man kann ja aber nicht sagen, alle sind untauglich und ich bin tauglich. Das geht nicht. Also es liegt auch an mir, wenn es gescheitert ist. Ich glaube es liegt an meinen hohen Erwartungen, die für die anderen spürbar waren. Das war meine Crux.

Du hast ja auch immer wieder Anzeigen aufgegeben. Kannst du dich erinnern, wie die formuliert waren?
Wir hatten mehrere Inserate im Tagesspiegel und der Taz (Berlin) aufgegeben. An zwei erinnere ich mich noch so ungefähr:
3 alte Schachteln suchen eine vierte zum gemeinsamen Altwerden in einer großzügigen Wohnung.
Und dann:
Wir, 3 Frauen +- 60, suchen eine tolerante Frau zum gemeinsamen Wohnen und Leben in einer WG, in einer 200qm großen Wohnung. Gegenseitige Achtung ist Vorraussetzung.

Ich war die Älteste, und die Anderen wollten nicht, dass dies die letzte Wohnstation für sie sein sollte. Da war noch der Wunsch, vielleicht mit einem Mann zusammen zu ziehen oder nochmal einen neuen Mann kennen zu lernen. Für die war die WG nur eine nette Zwischenstation. Ich aber hatte eine ganz andere Vorstellung. Und es war ja auch sehr komfortabel auf den zweihundert Quadratmetern, sehr groß und sehr schön eingerichtet.
Wir hätten da auch länger gewohnt, und ich hätte auch länger mitgemacht und die anderen auch. Aber die Vermieterin hat gesagt, sie macht das nicht mehr. Denn wir waren alle Hauptmieterinnen, und jedes Mal, wenn es einen Wechsel gab, musste wieder ein neuer Mietvertrag gemacht werden, und das war ihr dann zu viel geworden.
Dann hat man auch gemerkt, und da muss ich jetzt auch ehrlich sein, dass es zwischen uns auch Unterschiede gab und ich nicht bereit war, mit zweien von denen, die schon länger dabei waren, zusammen in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Das wollte ich nicht. Ich fand, dass unsere Vorstellungen und Erwartungshaltungen zu verschieden waren. Da fehlte auch der politische Hintergund, der mich bewegt hat.

Glaubst du, dass eine politische Idee wichtig ist, wenn man sich mit anderen zusammentut?
In jedem Fall finde ich das wichtig. Denn der individualistische Aspekt: ich möchte nicht allein sein, der funktioniert alleine nicht. Für mich ist dieser Gemeinschaftssinn in Form von sozialpolitischer Idee, die über das persönliche Leben hinausgeht, sehr wichtig.

Ich würde dich gern an dieser Stelle fragen, in welcher Situation du jetzt im Moment bist. Hast du überhaupt noch Möbel irgendwo?
Ich habe keine Möbel mehr aus meinem alten Leben. Als die WG sich aufgelöst hat, habe ich die Sachen überwiegend verschenkt. Ich hatte noch einen schönen Glastisch von meiner Schwester, den ich ihr zurückgegeben habe. Ich habe praktisch ganz wenig Hausrat, meine Kleider und meine Bettsachen. Und ich fange von Null an.

Wo fängst du von Null an?
Die letzte WG wurde ja von einem Fernsehteam begleitet, und mein Sohn in Bonn sah diesen Film und sah, dass ich aus der WG raus und in ein Senorienhaus ziehen wollte. Hier in Berlin hat jeder Bezirk mehrere Seniorenhäuser, die sind die Vorstufe zum Altenheim. Man hat dort eine kleine eigene Wohnung, seine Klingel, seinen Briefkasten und kann dort ganz autark wohnen. Und da wollte ich wohnen, so wurde es im Film gezeigt.

Ich möchte hier erwähnen, dass ich auch diesen Film im Fernsehen gesehen habe und dir daraufhin eine Email geschrieben habe. Das war vor vielleicht einem Jahr, und ich habe dich gefragt, ob wir uns mal kennen lernen können, wenn ich nach Berlin komme. Und dieses Kennenlernen hat nun endlich vorgestern stattgefunden.
In diesem Film war deutlich zu spüren, dass du sehr frustriert warst.

Ich fand, dass auch nicht genügend aufgeklärt worden ist, was wirklich los war zwischen euch in der WG.
Der Film wollte ja niemanden verletzen. Es agierten ja mehrere Personen.

Ja, aber die Filmemacher hätten das, was los war, kommentieren können, wenn sie es verstanden hätten.
Ja, das kann sein. Es war eine junge Filmemacherin, die die Vorstellung hat, dass sie selbst im Alter mit ihren Freundinnen zusammen wohnen möchte, und sie hat mittlerweile auch gesagt, dass sie es nicht in einer WG möchte, sondern in einem Hausprojekt. Aber sie konnte nicht verstehen, was mein eigentlicher Grund war.

Ich schlage vor, wir kommen nochmal zurück auf deinen Sohn, der den Film auch im Fernsehen gesehen hat.
Er hat das Haus, wohin ich im Film sage, dass ich dorthin ziehen werde, mit einem Altersheim in Verbindung gebracht, weil in dem Haus auch Menschen leben und wohnen, die nicht mehr so mobil sind, sondern mit Gehhilfen im Flur stehen, und aus allen Ritzen kam das hohe Alter hervor. Und als mein Sohn das gesehen hat, hat er gesagt: so weit bist du noch nicht, das kommt nicht in Frage. Und da hat er vorgeschlagen, mir hier in Berlin eine kleine Wohnung zu kaufen. Es hat sich dann ergeben, dass eine Bekannte gesagt hat, dass in einem Haus, wo ich schon mal gewohnt hatte auf meiner Suche nach WGs, dass da eine Wohnung frei wird. Die Bekannte hat dann vermittelt, und so hat mein Sohn da jetzt diese Wohnung für mich gekauft, die derzeit umgebaut wird.

Freust du dich auf diese neue Wohnung?
Ja, ich freue mich wirklich. Es war ein Prozess, mich dafür zu entscheiden und mich darüber zu freuen. Denn da es ja nicht geklappt hat mit der WG, bin ich dann auch in ein Loch gefallen. Meine politische Vorstellung musste ich erstmal begraben. Dann aber kam die Idee: in diesem Haus kennst du mehrere Menschen aus der Zeit, als du dort gewohnt hast, es ist vielleicht so was Ähnliches wie ein Hausprojekt. Dann sieh doch das Positive daran. Ich habe gedacht: da hast du gerne gewohnt, und es ist nicht das, wofür du nach Berlin gekommen bist, aber es ist eine Wohnung, die zu etwas führen kann.
Man könnte noch mehr daraus machen. Das wäre noch eine Aufgabe, die auf mich zukommen könnte. Aber Vorsicht! Nicht zu viel wollen! Und den Menschen nicht etwas überstülpen!

Ich möchte noch ein paar abschließende Fragen stellen:
Wo oder wie positionierst du dich im Altersprozess?

Da jetzt so die anfänglichen Wehwehchen kommen, habe ich mein Lebensalter in den Blick genommen, und da meine Eltern und auch meine Großeltern früh gestorben sind, denke ich, dass ich genetisch gesehen nicht mehr so lange zu leben habe. Meine Mutter ist mit einundsiebzig gestorben, das war für mich immer ein Datum. Ich habe so die Achtzig vor Augen, das wären jetzt noch sieben Jahre. Das heißt für mich, sieben Jahre gut leben. Das ist so in mir drin, so sieben bis zehn Jahre noch gut leben, das ist die Vorstufe vor dem Tod.
Also Tod ängstigt mich nicht.

Das wäre meine nächste Frage gewesen:
Kannst du dein Leben vom Ende her denken?

Ja.

Seit wann?
Eigentlich seit ich hier in Berlin mit dem WG-gedanken angefangen habe.
Wobei dieser Pflegegedanke, der ja immer in allen Wohngruppen vorkommt, der war für mich und die anderen WG-Bewohnerinnen, und ist für mich auch heute, kein Thema.

Was würdest du sagen, aus welchem Grund ist Pflege für dich kein Thema?
Ich habe gesehen wie meine Mutter gestorben ist. Sie war nie beim Arzt und nie krank, und sie ist plötzlich verstorben. Und ich habe für mich verinnerlicht, vielleicht geht es mir auch so.
Vor allem habe ich auch nicht mehr das Bedürfnis, helfend und für andere da sein zu wollen. Das war mein ganzes Leben so: außerparlamentarisch, parlamentarisch, in allen Bereichen. Und unterstützend wollte ich in der WG auch sein, und jetzt ist das Ich angekommen.

Wie fühlst du dich dabei?
Eigentlich gut.

Du hast nicht die Idee, dass du jetzt egoistisch wirst?
Nein, dafür war zuviel von mir weggeflossen. Obwohl mein Sohn, dem ich das auch erzählt habe, gesagt hat: da kannst du noch so schön reden, dein Handeln strahlt immer wieder was anderes aus. Denn ich bin immer da für ihn, für den Enkel, und klar, das ist auch eine Charaktereigenschaft.

Und als letzte Frage:
Hast du ein Gefühl für das Verhältnis von Stärke und Schwäche?
Ja. Die Kräfte schwinden, und vor allem merke ich, dass ich viel schlafe, und irgendwie ist der Schlaf ja der Bruder vom Tod. Ich habe manchmal das Gefühl, die ganze Kraft geht so in die Erde ein und verankert sich dort, und du wirst nicht mehr wach. Wenn ich so erschöpft einschlafe ist es wie wenn ich in der Erde versinke.

Freust du dich, wenn du wieder aufwachst?
Ja. Ja.

Ich möchte mich ganz herzlich bei dir für das Gespräch bedanken.

 
 
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