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Ich würde gerne alt werden dürfen.

Interview mit Eva-Maria Böll am 25. August 2016 in Köln

Wie alt bist du jetzt, Eva?
Ich bin am 15. August 72 geworden.

Findest du, dass das Leben sich mit 70 verändert hat?
O ja. In meinem Kopf. Dieser Horror: Du bist jetzt 70

 
 
Eva-Maria Böll

Ich weiß noch genau, wie furchtbar ich das fand, als ich 70 wurde. Diese 70 war furchtbar: In 10 Jahren bist du 80. Ich finde einfach die Zeit vergeht so schnell. Jetzt geht es mir ja besser als es mir früher ging. Weil ich viel freier bin und weil ganz viel nicht mehr sein muss und ich ganz viel nicht mehr machen muss und mir ganz viel vollkommen egal ist, was mir früher wichtig war. Ich würde so gern die Zeit haben, das alles auszukosten. Und dann überkommt mich manchmal der Gedanke: Scheiße, vielleicht bist du ja in 3 Jahren schon tot. Und das ist mir dann alles viel zu kurz. Ich würde die Zeit gerne anhalten.

Würdest du sagen, dieser Wunsch, die Zeit anzuhalten, ist erst gekommen als du 70 warst?
Ja. Das kann ich sagen. Das ist ein bisschen so wie damals, als ich 40 wurde. Da habe ich auch so ein Gefühl gehabt. Da war die 3 weg. 39 fand ich noch Jugend, und die 4 war für mich: Jetzt kommt eine ganz andere Zeit, jetzt bist du erwachsen, jetzt wird es ernst.

Die Idee für unser Gespräch ist ja, dass du erzählst, was du so machst und womit du dich beschäftigst. Hast du Lust, mal zu erzählen?
Ja. Zum Beispiel. Ich habe ja ein Handy. Seit 2006. Ich hänge da dran, weil ich froh bin, dass ich das alles kann, weil es mir so schwer gefallen ist, das alles zu lernen. Und vor 2 Tagen ging morgens das Feld mit der SMS nicht mehr an, also ich konnte keine SMS mehr lesen. Ich war total durch den Wind, ganz aufgeregt und zitterig: Oh Gott oh Gott, was für eine Scheiße, jetzt musst du dich mit einem neuen Handy auseinandersetzen. Ich bin dann zum Telekom Laden gegangen. Der junge Mann war sehr nett. Die sind immer sehr freundlich, aber die denken wahrscheinlich: Gibt es so einen Menschen, der da so einen Stress mit hat? Ich habe den jungen Mann nach einem Seniorenhandy gefragt, und das hat er mir auch gezeigt und erklärt. Danach bin ich dann zu Tchibo gegangen und habe mir ein reduziertes Handy gekauft. Und abends habe ich dann zusammen mit einem Freund 2 Stunden daran gearbeitet.

Was heißt reduziert?
Das kostete vorher 19,95 und jetzt nur noch 14,95.

Mit Prepaid Karte?
Mit allem drum und dran. Und ich habe gedacht, zum Üben ist das für mich genau richtig.

Das ist aber kein Seniorenhandy, oder?
Nein. Ansonsten war ich heute den halben Tag damit beschäftigt, mein Fersensporn-Kissen zu suchen. Ich habe nämlich seit 2 Wochen die Diagnose Fersensporn. Das tut sehr weh. Und du weißt ja, ich laufe ja jeden Tag Kilometer.

Also laufen heißt gehen.
Ja, ich gehe von hier bis zum Friesenplatz, mache irgendwo eine Pause, gehe was essen, und ich geh alles zu Fuß. Alles. Ich fahre keine Bahn und kein Bus, kein Fahrrad und kein Auto, ich mache alles zu Fuß. Und jetzt habe ich einen Fersensporn. Sehr schmerzhaft. Und heute, weil es so heiß ist, habe ich meine Sandalen angezogen und so ein Gelkissen da reingetan und habe das verloren. Ich bin den halben Tag damit beschäftigt gewesen, die Wege abzulaufen und das Gelkissen zu suchen. Weil das auch teuer ist und man das selber zahlen muss.
Aber du hast eben gefragt, was sich verändert hat seit ich 70 bin. Es hat sich schon einiges verändert. Ich merke eigentlich, 70 war noch anders als 71, und von 71 auf 72 ist auch anders. Ich merke, dass ich ganz viele Sachen, die ich früher gemacht habe, nicht mehr mache.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel zu Fuß in die Innenstadt gehen, ins Bewegungsbad, mit der ganzen Saunatasche auf dem Rücken und dem Rucksack, um dort ein paar Stunden zu verbringen und dann wieder zurückzugehen.

Das hast du mit 70 noch gemacht?
Nein, mit 70 konnte ich es nicht machen, weil ich da ja das ganze Jahr lang dieses Theater-Projekt hatte. Und das hat mich ja so krank gemacht. Ich würde heute sagen, das war Burn Out, seelische und körperliche Erschöpfung.

Was war das für ein Theater-Projekt?
Da war ich ein ganzes Jahr mit Menschen in einer Gruppe. Das war eine Laienspielgruppe, und wir haben über unsere Leben ein Stück gemacht. Das Thema hat mich total interessiert. Es ging um Integration und Inklusion, und wir hatten viele Termine, aber nach einem halben Jahr habe ich gemerkt: Eigentlich kann ich nicht mehr.

Wie hieß der Titel des Stückes?
Schrei mich an! Das Stück hat auch einen Preis bekommen. Es lief im Rahmen des Sommerblutfestivals in Köln.
Vielleicht ist es noch wichtig zu sagen, was mir erst hinterher klar geworden ist. Wäre ich 69 gewesen, hätte ich dieses Projekt nicht gemacht.

Wieso nicht?
Weil die 70 mich so gestresst hat. Also pass auf. Ich bin 70 geworden und hatte totale Probleme mit der 7. Ganz große Probleme. Ich habe meiner Tochter gesagt, ich mache an dem Tag nur das, was gut für mich ist. Ich war auf meinem Geburtstag wie ein rohes Ei.
Eine Woche später bekam ich dann den Anruf von der Regisseurin, die mich von vor 20 Jahren aus meiner Zeit als Maskenbildnerin beim Theater kennt. Die wollte mich gern bei dem Stück dabei haben. Als eine der Laiendarstellerinnen. Und mir ist hinterher klar geworden, zu dem Zeitpunkt war es mir nicht bewusst, aber ich bin ganz sicher, ich habe das nur gemacht, um noch ein Mal dabei sein zu können, noch ein Mal in einem Team zusammen zu arbeiten, noch ein Mal alles aus mir rauszubringen, was ich kann, mich festlegen und Termine machen. Was ich nie mehr wollte. Ich wollte meine Freiheit. Ich wollte Treibholz sammeln am Rhein. Ich wollte wandern. Ich wollte in die Sauna. Aber ich habe mich festgelegt, für ein ganzes Jahr.

Hast du damals lange nachgedacht, bevor du dich festgelegt hast, oder war dir schnell klar…
… Sofort. Ich habe sofort ja gesagt. Aber sobald das Projekt vorbei war, bin ich krank geworden, ein ganzes Jahr lang. Und heute noch erhole ich mich davon. Und das ist die Veränderung, die mit der 70 zu tun hat. Ich merke einfach: Eva, du kannst nicht mehr.
Und ich weiß noch, dass ich damals gedacht habe, ich werde vielleicht wieder wie mit 68 oder 69. Nein. Werde ich nicht mehr. Es geht immer weiter. Ich werde immer weniger. Es ist noch nicht hochdramatisch, aber ich spüre… ich habe immer noch ganz viel Energie. Aber manchmal habe ich auch gar keine mehr und bin viel müde. Und dann werde ich so unruhig und denke: wieso kann ich denn jetzt nicht mehr? Bin ich jetzt krank oder habe ich was? Das auszuhalten fällt mir total schwer, nicht wegen dem Image, sondern einfach weil ich mir immer mehr auf die Schliche komme: Nein Eva, du kannst das nicht mehr. Ich merke einfach: du bist nicht mehr die Alte, und du wirst jetzt immer mehr eine andere. Die Eva verändert sich. Die Eva geht auf ihr Alter zu. Ich denke viel darüber nach und muss das akzeptieren lernen. Manchmal rede ich auch mit anderen Frauen darüber.
Zum Beispiel habe ich gestern eine Frau aus der Senioren-Yoga-Gruppe getroffen und habe gesagt: Hör mal, du siehst noch so fit aus, sind wir eigentlich gleich alt? Ich wollte mir Trost holen, denn die ist auch schon über 70 und macht enorm viel. So viel möchte ich garnicht machen. Da sagt sie zu mir: Also übers Alter rede ich nicht, da will ich gar nichts mit zu tun haben. Ich kenne ganz viele Frauen, die mit dem Alter nichts zu tun haben wollen. Da fehlt mir dann natürlich die Solidarität, denn ich habe ganz viel damit zu tun. Guck mal, in 8 Jahren werde ich 80 Jahre alt!
Heute bin ich aber viel lockerer drauf als früher. Aber es geht dem Ende zu, egal ob ich 80 oder 90 werde. Ich habe das meiste gelebt. Und was diesen Gedanken angeht, da würde ich mich manchmal gern ein bisschen trösten. Zusammen mit den anderen. Aber die werden richtig aggressiv und wollen davon gar nichts wissen.

Denkst du übers Sterben nach?
Ja, das habe ich ja in dem Theaterstück zum Thema gemacht. Mich quält die Frage: Wie komme ich vom Leben zum Tod?

Suchst du eine Antwort auf diese Frage ?
Nein, die kann mir ja keiner geben. Weil das ja niemand weiß. Liege ich an Schläuchen? Liege ich im Koma? Liege ich da und keiner kümmert sich um mich? Liege ich da mit tierischen Schmerzen? Werde ich gut versorgt? Werde ich gut begleitet? Oder nicht?
Ich hatte ja viel mit alten Menschen zu tun, die ich immer ehrenamtlich im Altenheim besucht habe und habe mitbekommen, was da für ein Elend ist. Manchmal sogar mit Geld, aber ohne Geld noch mehr. Davor habe ich Angst.

Ich springe jetzt mal im Thema und frage dich etwas ganz anderes. Kochst du dir jeden Tag etwas zu essen?
Ja.

Kaufst du frisches Gemüse oder Bio? Oder wie machst du es?
Ja. Ich lege da großen Wert drauf. Ich bin oft auf dem Biomarkt und sehe, was bezahlbar ist. Ich kaufe mir natürlich keine Himbeeren, die 4 Euro kosten. Die hole ich mir dann im Aldi. Ich ernähre mich sehr bewusst und sehr liebevoll. Ich esse auch sehr gerne. Heute habe ich mir zum Beispiel Brokkoli und Fenchel einfach nur abgekocht. Und heute Abend tue ich mir da Olivenöl drauf, Salz und Pfeffer. Ich möchte auch ein bisschen abnehmen.

Und was machst du sonst so? Treibst du Sport?
Nein, ich laufe ja alles. Ich habe Senioren-Yoga gemacht bis das Theater-Projekt angefangen hat. Danach war ich ja krank und bin ja immer noch dabei, mich zu regenerieren, ich bin noch nicht richtig fit. Und heute sitze ich auf der Bank im Park und da kommt die Yogalehrerin vorbeigefahren, und sie sagt: … der Körper verlernt das nicht, du kommst wieder und dann lernst du das wieder…

Und das willst du auch machen?
Ja, auf jeden Fall.

Und das ist ein Mal die Woche?
Ja. Donnerstagsvormittags eineinhalb Stunden. Und das Schöne ist, weil ich ja auch nicht so viel Geld habe, die ist Heilpraktikerin und die ist 65 und die legt das Schwergewicht auf Entspannung, und das kommt mir sehr entgegen, und wenn du kommst, zahlst du 5 Euro, und wenn du nicht kommst, zahlst du nichts.

Wo findet das Yoga statt?
Im Altenheim.

Wie ist das mit Fernsehen, guckst du viel?
Leider gucke ich die letzte Zeit viel Fernsehen. Jeden Abend eigentlich.

Mich interessiert noch, wie dein Tagesrhythmus ist.
Oft denke ich morgens, wofür sollst du eigentlich aufstehen? Ich glaube aber nicht, dass es eine Depression ist. Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Weil ich mit dem Fersensporn nicht laufen kann. Weil ich gerade keine kreative Schubphase habe. Ich darf abhängen. Ich chille, wie die Jungen sagen. Und wenn ich dann morgens wach werde, nehme ich erstmal die Schilddrüse- und Blutdruck-Tabletten.

Wie viel Tabletten nimmst du am Tag?
Ich nehme 11 Tabletten am Tag. Und das geht mir auf den Wecker. Aber sie helfen ja. Letztens habe ich mal eine vergessen, und das ging auch. Ich habe die dann einfach weggelassen. Und wenn du wissen willst, warum ich das alles nehme: aus Angst.

Angst wovor?
Vor 4 Jahren wurde dieses Haus hier verkauft, in dem ich seit 2000 wohne. Und dann wurden alle Wohnungen einzeln verkauft. Und dann hatte ich ganz viel Stress mit diesen Leuten. Mit dem Makler und dem neuen Hausbesitzer und mit denen, die diese Wohnung hier gekauft haben. Ich war auch beim Rechtsanwalt, was mich mein letztes Geld gekostet hat.
Das hat mich alles ziemlich gebeutelt. Und da sehe ich noch wie heute, da steht die Familie hier in dieser Wohnung, und ich habe sie gefragt: warum kaufen Sie diese Wohnung? Aber die Frau sagte gar nichts. Der Makler sagte nur: Kapitalanlage. Es ist furchtbar, das kann ich gar nicht alles erzählen. Nur Stress. Der Anwalt hat gesagt, die Besitzerin kann in 8 Jahren Eigenbedarf anmelden. Jetzt hat die die Wohnung schon 3 Jahre. In 5 Jahren bin ich dann 77 oder 78.
Würde ich hier um die Ecke eine andere Wohnung kriegen, wäre mir alles egal, aber du weißt ja wie teuer alles geworden ist. Und ich wohne in dem Viertel hier seit meine Kinder klein waren, das sind jetzt 50 Jahre. Bei mir hat sich so eine Angst breit gemacht, dass ich hier irgendwann rausmuss. Ich wäre auch schon überfordert, alles einzupacken für den Umzug. Meine Tochter hat so ein anstrengendes Leben, die hätte gar keine Zeit, mir zu helfen. Meinen Sohn sehe ich kaum. Jedenfalls ist da nur Angst, Angst, Angst. Und dann kam der Bluthochdruck, und seither nehme ich die Tabletten.

Wie viel Zeit bleibt dir, falls dir gekündigt wird?
Der Anwalt sagt 9 Monate. Falls die überhaupt kündigen wollen. Das ist ja nur eine Fantasie von mir.

Aber äußert die Besitzerin sich nicht?
Nein, die redet nicht mit mir. Das kann ich jetzt hier alles nicht erklären.
Aber langsam denke ich, diese Angst nimmt mir meine ganze Lebensfreude und Energie. Angst ist schon ein Thema für mich. Und ich denke auch: ich bin ja Kriegskind. Wer weiß, was das mit meiner Angst zu tun hat. Ich bin 44 geboren. Und meine Mutter hat mir immer erzählt, wie sie mit mir im 9. Monat schwanger und meiner Schwester an der Hand, von Berlin nach Polen geflüchtet ist. In ein kleines Zimmer voller Wanzen. Da bin ich auf die Welt gekommen. Ich glaube, bei mir ist das so: ich habe jetzt viel Zeit, ich bin von nichts mehr gefordert, dann können so Sachen von früher hochkommen.

Ja, daran zweifelt ja heute niemand mehr, dass Kriegserlebnisse in der frühen Kindheit Auswirkungen haben, die im Alter aufbrechen können.
Ja.

Ich würde gern noch auf deine Kunst zu sprechen kommen. Vorhin hast du gesagt, du hättest lange keinen Kreativitätsschub mehr gehabt, was heißt das genau?
Eine Ausstellung zu machen strengt mich unheimlich an. Zwischen 60 und 70 habe ich ja 20 Ausstellungen gemacht. Dann die Angst, aus der Wohnung raus zu müssen, und wo soll ich mit dem ganzen Zeug hin? Ich merke einfach, ich habe nicht mehr den Drang, etwas zu machen, denn ich ersticke ja hier in der Wohnung langsam mit der ganzen Kunst. Und wenn ich ausziehen muss, wohin denn dann damit? Ich habe die Motivation nicht mehr.

Seit wann hast du nichts mehr produziert?
Seit dieses Theater-Projekt angefangen hat. Seit jetzt 2 Jahren. Als dieses Projekt anfing, hatte ich eine wunderschöne Ausstellung vorbereitet. Ich hatte schon mit den beiden jungen Frauen die Einladungen besprochen, die Preise, alles. Und dann habe ich gemerkt, das schaffe ich mit dem Theater nicht. Es war mir zu viel, und dann habe ich die Ausstellung abgesagt. Ich kann jetzt auch nicht mehr so laufen, ich kann also nicht mehr an den Rhein.

Das heißt, du hast kein Material mehr?
Doch, ich habe Material genug. Aber die Inspiration ist, wenn ich an den Rhein laufe und dort etwas sehe und etwas mitnehme.

Und was ist mit den Bällen aus Garn?
Ja, die stehen ja auch hier rum. Alles schon vor dem Theater-Projekt gemacht. Mit dem Theater kam die Erschöpfung, und sie ist noch nicht wieder weg.

Würdest du denn sagen, allmählich kommst du aus der Erschöpfung raus?
Ja, ich komme da raus. Nur werde ich nicht mehr die, die ich vorher war.
Das ist für mich nicht einfach zu sagen: Ich bin nicht mehr die, die ich war. Ich bringe das ganz stark mit dem Michübernehmen in dem Theater-Projekt zusammen. Das ist unglaublich. Ich hatte meinen eigenen Rhythmus verloren, und ich habe meinen neuen noch nicht gefunden.

Heißt das, du hast dich für das Theater-Projekt zu sehr angepasst?
Ja. Total.

Und das ist dir nicht gut bekommen.
Nein gar nicht. Das war viel zu lang.

Und du bist nicht ausgestiegen, weil du dich verpflichtet gefühlt hast.
Ja. Das ist auch noch so ein Punkt. Ich habe einfach nicht gemerkt, wie ich mir selbst auf den Leim gegangen bin. Mein Lebensmuster ist immer gewesen: Durchhalten und Kämpfen. Das ist das, was ich immer am allerbesten konnte. Weil es in meinem Leben so sein musste. Und dieses Muster hat sich total in den Vordergrund gespielt, als ich in dem Projekt war. Und ich muss ehrlich zugeben, es war mir damals nicht bewusst. Manche aus unserer Gruppe sind ja ausgestiegen, manche haben auch gesagt: Ich fahre in Urlaub, andere haben gesagt: Es ist mir grad zu viel. Und ich habe mich innerlich über die gestellt. Als wäre ich ein besserer Mensch. Ich habe zu mir selbst gesagt: Mir geht es um die Sache, mir geht es hier nicht um mich! Ich halte durch!

Hast du die anderen dann auch in dir drin verurteilt?
Ja. Ich war sauer auf die. Aber mir ist hinterher klar geworden, dass ich im Grunde neidisch auf die war. Weil ich selbst es nicht konnte.

Weil du dir die Freiheit nicht genommen hast.
Ja. Dahinter steckt so viel: ich bin 70, und ich will noch ein Mal … und dann mache ich schlapp. Ich wollte das einfach schaffen. Ich habe leider nicht geschafft zu sagen: hier breche ich ab. Ich habe viel zu lange durchgehalten. Wie immer in meinem Leben. Ich hatte es einfach nicht kapiert. Aber jetzt schon, jetzt habe ich es verstanden.

Momente
Eva-Maria Böll

Frühere Interviews mit Eva-Maria Böll:

Aus dem Jahr 2009 unter Porträtgespräche

Und aus dem Jahr 2012 unter Gespräche mit Großeltern


 
 
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