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Und dann lief ich 2012 jeden Tag durch die Prärie in Spanien und konnte mal ein paar Sachen zu Ende denken.

Interview mit Karl Arimond am 2. Dezember 2016 in Euskirchen.

 

 
 
Karl Arimond

Wir hatten uns ja im September 2012 schonmal zu einem Gespräch getroffen. Das sind jetzt 4 Jahre her. Was würdest du sagen ist das wichtigste, was sich seither in deinem Leben verändert hat?
Das ist, dass ich jetzt hier eigenständig in meiner Wohnung lebe. Ich bin aus einer… ich sage es mal so… aus einer Versorgungsgemeinschaft mit meiner Frau ausgestiegen und bin praktisch jetzt als Junggeselle hier eingezogen.

Seid ihr geschieden?
Nein. Wir lassen uns auch nicht scheiden. Wir haben uns getrennt, und wir verstehen uns wieder gut, und jeder geht vernünftig mit dem anderen um, und jeder von uns kann vernünftig gut leben, und das war mir auch sehr wichtig. Ich fühle mich hier pudelwohl. Ich bin hier glücklich.
Ich sag ja: ich kann tun und lassen, was ich will. Wenn du nachher weg bist, kann ich meine Tasche packen und mich in den Zug nach München oder sonstwohin setzen. Dann fahre ich einfach los. Ich brauche niemanden zu fragen.

Lass uns über Freiheit reden.
Das ist alles damals 2012 losgegangen, als ich den Jakobusweg nach Santiago in Spanien gegangen bin, da war ich ja 5 Wochen unterwegs. Da habe ich diese ganzen Sachen begriffen, was in meinem Leben nicht optimal gelaufen ist. Ich war in der Beziehung eingeengt. Aber darüber hatte ich dir ja in unserem ersten Gespräch schon viel erzählt. Ich habe damals 2012 in Spanien den Entschluss gefasst, mich zu trennen.

Als Vorbereitung auf dieses Gespräch habe ich nochmal nachgelesen, was du damals gesagt hast. Unter anderem sagst du:„Ich habe unterwegs Sachen begriffen, die ich 40 Jahre lang verkehrt eingeschätzt habe.“
Ja. Das war so. Nur ein Beispiel. Ich habe sehr viele Sachen gemacht, ich habe auch nichts in den Sand gesetzt oder sowas. Meine Frau hat aber nie zu mir gesagt, das hast du gut gemacht.

Du hast dich nicht anerkannt gefühlt.
Nein. Habe ich nicht. Und so wollte ich nicht länger leben. Das habe ich da begriffen. Ich hatte ja auch einen anspruchsvollen Job bei der Bundesbahndirektion.

Was hast du genau gemacht?
Ich war technischer Beamter. Ich habe Fernmeldeanlagen geplant bei der Bundesbahndirektion Köln. Da hattest du einfach keine Zeit, um dich mal mit gewissen Sachen zu beschäftigen. Und dann lief ich 2012 jeden Tag durch die Prärie in Spanien und konnte mal ein paar Sachen zu Ende denken. Und an einem Abend habe ich diesen 6 Seiten langen Brief an meine Frau geschrieben.

Wie alt warst du damals?
Ich werde jetzt 72, da war ich 67.

Sag mal Karl, hat dich das überrascht, dass du mit 67 an einen Punkt kommst, an dem du so den Hebel umlegst?
Ja, das war ja auch nicht nur die Sache mit meiner Frau. Ich habe mich damals ja auch rigoros von meinen beiden Geschwistern abgenabelt. Erstmal von meiner jüngeren Schwester und dann auch von meinem Bruder. Mit dem hatte ich ja immer ein Superverhältnis, weil wir ja auch immer zusammen die Häuser gebaut haben. Und dann das Holzgeschäft. Davon hatte ich dir ja schon in unserem ersten Gespräch erzählt. Als die Frau von meinem Bruder zu ihm zurückkam, wurde unser Verhältnis, was 60 Jahre gut funktioniert hatte, immer schlechter. Und dann hat es zwischen uns heftig geknallt, und dann ist das auseinander geflogen. Daraufhin bin ich dann 2012 nach Santiago marschiert.

Ich erinnere mich auch, dass du damals Pläne hattest. Du wolltest 2013 mit dem Zug nach Florenz fahren und dann zu Fuß nach Rom gehen. Hast du das gemacht?
Ja. Das war der Weg, der nennt sich Via Franciena, der geht von Canterbury nach Rom. Und ich bin dann von Florenz durch die Toscana über Siena nach Rom gegangen, bin 2 Tage in Rom geblieben, bin mit dem Zug nach Castell Gandolfo gefahren und bin von dort aus noch bis Monte Casino marschiert. Und bin auf diesem Benediktinerberg gewesen, auf dem diese schlimmen Kriegsschlachten im 2. Weltkrieg waren. Das wollte ich mal sehen.

Und danach war noch dein Plan, auf die Alm zu gehen in Oberbayern. Hast du das auch gemacht?
Das hat nicht geklappt. Ich hatte mich mit einer Genossenschaft in Bayern in Verbindung gesetzt und die haben mir gesagt, wenn ich sowas machen würde, dann müsste ich vom Auftrieb bis zum Abtrieb dabeibleiben. Und das wollte ich nicht. Und dann habe ich mich noch mit der Furka-Oberalpbahn in der Schweiz in Verbindung gesetzt, weil die immer Leute gesucht haben, die helfen, die Strecke in Stand zu setzen. Da wollte ich mich als freiwilliger Helfer einbringen. Ich habe das handwerkliche Geschick und habe auch die Gerätschaften, das wollte ich machen. Das hat aber auch nicht geklappt. Die haben mir noch nichtmal eine Antwort geschrieben.

Und dann… ich habe ja die Süddeutsche Zeitung abonniert, und da war ein Artikel über eine Institution, die nennt sich Bergbauernhilfe Südtirol. Und da war ein Artikel über einen Mann hier aus der Eifel, der dort einen Monat auf einem Bergbauernhof geholfen hat. Ich habe die Redaktion in München angeschrieben, und die haben dem Mann meine Telefonnummer geschickt, und dann hat der mich angerufen und mir alles geschildert. Dann hatte ich ja die Mailadresse und habe Bozen angemailt, und die haben mir 4 Höfe zur Auswahl angeboten. Ich habe mir dann den Hof ausgesucht, auf dem eine Mutter, eine alte Frau, zusammen mit ihrem Sohn lebt. Ich habe dann mein ganzes Werkzeug ins Auto gepackt, Elektroschweißgerät und alles eingepackt und bin nach Südtirol gefahren. Pfingstmontag kam ich da an.

Lisa. Wie ich da ausgestiegen bin und in das Haus reingegangen bin, habe ich gedacht: was machst du jetzt? Setzt du dich ins Auto und drehst um - oder bleibst du hier? Ich bin geblieben.

So schlimm sah das da aus?
Ja. Ich muss das mal so erzählen: die Oma, also die Mutter, die konnte sich nur noch mit kleinen Tippelschritten in der Küche bewegen. Und der Bauer, also der Sohn, der war 63, der war gar kein Bauer, der war Banker. Der war Leiter der Sparkasse in Meran gewesen. Der hatte einen Auflösungsvertrag bekommen. Die haben ihm bei der Bank angeboten, mit einer Abfindung in Rente zu gehen. Und die Mutter hatte ihr Leben lang nur gearbeitet und gearbeitet und gearbeitet.

Wie lange war denn der Sohn da schon auf dem Hof bei der Mutter?
2 oder 3 Jahre. In dem Haus war auch eine Heizung und ein Badezimmer, aber in dem Badezimmer kamst du nur noch so gerade ans Waschbecken.

Warum?
Ja, da stand alles voll mit Sachen. Da war ja keiner, der aufräumte. Die Oma konnte das nicht mehr. Da war auch nur warmes Wasser zum Spülen der Milchkannen. Alles andere, auch die Heizung, das lief alles nicht, weil es kaputt war.

Und für wie lange hattest du dich verpflichtet?
Für 4 Wochen. Ich bin dann immer Samstagsabends, wenn Feierabend war, ins Hotel gefahren, ein paar Kilometer weiter, für 2 Nächte. Ich musste mich ja auch mal duschen. Ich war da in der Zeit, in der Heu gemacht wurde. Jetzt mussten ja auch die Maschinen funktionieren, zum Mähen und zum Aufladen und so weiter. Am Anfang habe ich erstmal 2 Tage nur geschraubt und alles soweit ans Laufen gebracht. Ich hatte ja auch die Kenntnisse, denn ich komme ja vom Bauernhof und wusste wo ich anpacken musste. Du kannst dir garnicht vorstellen, wie froh der war, dass ich da war. Wir haben uns auch wirklich sehr gut verstanden.

Und die Oma hat für euch gekocht?
Da gab es jeden Mittag Suppe. Das war eine Wassersuppe mit einem Knödel drin und frischen Salat. Und dann gab es Tiroler Speck und Tiroler Wurst. Damit habe ich mich am Leben gehalten.

Womit haben die denn ihr Geld verdient?
Die hatten 10 Milchkühe, und für die Milch bekamen sie 64 Cent pro Liter, und damit kam der gut hin. Ich habe aber nicht gemolken, er hat gemolken. Meine erste Arbeit jeden Morgen war Milchkannen spülen.

Wie habt ihr das gemacht, ich meine, wie habt ihr besprochen und abgesprochen, wer was wann macht?
Das ging problemlos eins ins andere. Das war ja klar, was zu tun war. Und wenn kein Heuwetter war, sind wir mit der Motorsäge in den Wald gegangen. Ich kann dir sagen, abends warst du dann platt. Das Problem war ja, dass alles am Hang war. Man musste unheimlich viel Energie aufbringen, um erstmal da hoch zu kommen.

Bist du dann nach einem Monat zurückgefahren?
Ja. Ich hatte ihm auch noch versprochen, im nächsten Jahr wiederzukommen. Dann habe ich aber gemerkt, dass das mit meiner körperlichen Verfassung nicht hingehauen hätte. Nachdem ich zurückgekommen war, bin ich erstmal 14 Tage platt gewesen.

Da bist du wahrscheinlich an deine Grenzen oder sogar drüber gegangen.
Ja. Drüber gegangen. Als ich dann hier zur Ruhe kam, habe ich das gemerkt. Und dann habe ich gesagt, das hat keinen Zweck.

Ich würde da jetzt gern mal weiterfragen: diese Erfahrung, dass die körperlichen Kräfte nachlassen, stellst du das jetzt fest?
Ja. Das wäre ja vermessen, wenn das nicht so wäre.

Was macht das mit dir?
Ja, was macht das mit mir. Ich war ja hier in Euskirchen bei der Tafel. Da habe ich aber 2012 aufgehört, weil was passiert war, was mir nicht gefallen hat. Ich bin jetzt hier bei der Stadt Euskirchen. Das nennt sich Seniorenpaten. Ich betreue aber direkt keinen Senioren, sondern für Leute, die kein Geld für Handwerker haben, für die mache ich ehrenamtlich Reparaturen im Haus. Küche aufstellen, anstreichen, Elektrizität, was zu machen ist. Die rufen mich dann an und sagen, da und da ist wieder jemand, der nicht gut betucht ist, können Sie das mal machen.

Und dann fährst du mit deinem Werkzeug dahin und …
… ja. Und dadurch habe ich einen Mann kennen gelernt, das ist der Herr W. Er ist 88 Jahre alt und blind. Und den betreue ich jetzt sporadisch. Ich war schonmal mit ihm zum Möbel einkaufen und habe auch schon einige Reparaturen bei ihm gemacht. Der ruft mich an, und dann mache ich das. Ich gehe auch schonmal mit ihm spazieren, ein paar Kilometer.

Und das findest du gut, dass das nicht so eine regelmäßige Arbeit ist.
Ja. Ich möchte nicht mehr in einen Plan. Und dann bin ich jetzt seit letztem Jahr bei der Caritas in der Flüchtlingshilfe. Die haben direkt hier hinter dem Parkhaus eine Fahrradwerkstatt, wo alte Fahrräder abgegeben werden, und dann schrauben wir mit 3 Leuten und richten die Räder so, dass sie funktionieren, für die Flüchtlinge.

Das ist ein toller Job, finde ich.
Ja. Und wie gesagt, jedes Jahr im Frühjahr bin ich so 5, 6 Wochen mit dem Rucksack unterwegs. 2012 bin ich ja von St. Jean Pie de Port nach Santiago und dann noch nach Finisterre gegangen. Dann bin ich 2013 in Italien gewesen und 2014 bin ich den portugiesischen Weg gegangen, von Lissabon über Porto nach Santiago.

Wieviel Kilometer sind das?
Das waren auch so 900 Kilometer.

Hast du das in so ähnlichen Tagesetappen gemacht, wie auf dem spanischen Weg?
Ja. Wobei der Weg von Lissabon bis Porto ist nicht erschlossen, den musst du selbst planen. Da bin ich immer mit dem Handy und per GPS gelaufen.
Und 2015 war ich wieder in Italien und habe den Franziskusweg gemacht, von Florenz über Assisi nach Rom. Das war eine harte Nummer.

Wieso?
Das waren über 20 Etappen nur durch den Apennin, nur durchs Gebirge. Und der Franziskus hat ja in völliger Armut gelebt und so waren auch die Etappen, man hatte tagsüber fast nie eine Möglichkeit einzukehren. Das beste war, dass du das Wasser in den Bergen immer trinken konntest. Abends kamst du auch immer unter, denn dieser Weg ist etappenmäßig festgelegt. Aber sehr sehr anstrengend. Ich bin dann von Rom mit dem Zug nach Sizilien gefahren und habe mich da 10 Tage erholt.

Das war 2015. Und was war 2016?
Ich hatte letztes Jahr beim Wandern eine Frau kenngelernt. Und wir haben uns gut verstanden und ich habe ihr vom Jakobsweg erzählt und da sagte sie, das würde sie auch mal gerne machen. Ja und dann bin ich mit ihr zusammen nochmal den spanischen Weg gegangen, 5 Wochen gelaufen und eine Woche Urlaub in Finsterre.

Und das war schön.
Das war anstrengend. Die 5 Jahre, die dazwischen liegen, das merkst du.
Die Beziehung mit der Frau ist danach dann auseinander gegangen. Das ist eigentlich schade. Aber ich habe es hingenommen. Ich habe mich sehr gut mit der Frau verstanden. Aber jetzt ist kein Kontakt mehr. Schade eigentlich.

In unserem Gespräch von 2012 sagst du an einer Stelle:„Ich will mich auch nochmal verlieben.“
Ja, ich hatte mich auch verliebt.

Jetzt ein Sprung. An einer anderen Stelle in unserem Gespräch sagst du: „Du brauchst Geld, wenn du alt bist.“
Ja. Auf jeden Fall. Wenn du jung bist, kannst du arbeiten, da noch was verdienen und hier noch was verdienen, weil du mit dem Körper arbeiten kannst. Aber wenn du alt bist, geht das nicht mehr. Wenn du dann kein Geld hast, bist du eine arme Sau.

Aber das passiert oft, viele haben im Alter sehr wenig Geld. Wie guckst du da drauf? Würdest du sagen, hey, die Leute haben echt Fehler gemacht.
Also das ist ja auch manchmal Schicksalsbedingt. Wenn ich aber jetzt zum Beispiel die Zeit nehme als sich jung war, wenn du da in einem Handwerksbetrieb gearbeitet hast, da wurden viele Sachen nebenher schwarz bezahlt, und die gingen durch kein Buch und keine Rentenkasse. Die Leute haben das dann genommen und verpulvert und dann war es weg.

Karl, ich halte es für normal, dass man als junger Mensch nicht ans Alter denkt.
Also ich habe ja auch oft den Satz gesagt, wenn wir damals als junge Männer beim Bier zusammen saßen und haben uns unterhalten, habe ich immer diesen Satz gesagt: Wenn du alt bist brauchst du Geld, wenn du jung bist, kannst du arbeiten. Dann haben die anderen gesagt: du hast sie doch nicht alle, jetzt musst du Kohle haben.

Ich würde noch gern mit dir über das Haus ZIEL sprechen, über dieses Wohnprojekt, in dem du jetzt wohnst. Wie ist das hier? Gibt es hier Gemeinschaft?
Ja. Große Gemeinschaft. Ganz doll. Also wir hatten ja damals 100.000 Euro vom Familienministerium als Fördergeld bekommen. Und damit haben wir unten ein kleines Apartment gekauft. Mit Zugang zur Außenterrasse. In unserem Verein ZIEL sind wir mittlerweile 22, 23 Leute. Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem unser Raum im Gemeinschaftsapartment voll ist, wenn alle kommen.

Wir unternehmen viele Sachen. Ein Mal die Wochen machen wir Kaffee und Kuchen. Dann machen wir Besichtigungen. Mich haben sie zum Wanderwart gemacht. Morgen gehe ich mit denen, die Lust haben, in der Eifel wandern. Das machen wir ein Mal im Monat. Dann machen wir Oktoberfest, dann Martinsgansessen, übermorgen ist Adventskaffee, dann machen wir Weihnachtsfeier, dann Silvesterfeier. Alles unten in der Wohnung im Gemeinschaftsraum. Da ist auch jeder mal dran mit Putzen, das klappt gut.

Wir haben mittlerweile da auch eine Zapfanlage mit Kühlung und einen Fernseher. Sonntags spielen wir dort Karten. Toll! Und jeder bringt sich ein. Jeder. Wer die Sachen managt ist die Sylvia. Aber wir arbeiten ihr zu. Und der Jürgen hat diese Engel da unten im Garten gemacht, und dann haben wir den Baum aufgestellt und Glühwein getrunken. Und was am besten ist: du musst nicht. Wenn du keine Lust hast, dann sage ich, ich bleibe in meiner Behausung. Und wenn du Lust hast… ich bin immer dabei.

Das hört sich wie eine reine Erfolgsgeschichte an.
Ist das auch. Vom Anfang bis zum Ende. Wir haben damals vor dem Bauen ja schon die Pläne mit dem Horst Belter besprochen. Dann hat er hier noch eine Wand 2 Zentimeter verrückt und dort noch etwas verändert, überall hat es hingehauen.

Da müssen wir jetzt zum Verständnis sagen, dass Horst Belter der Organisator dieses Wohnprojekts ist und der Architekt und selbst mit seiner Frau Sylvia hier auch wohnt.
Ja. Aber die erste Gruppe damals, die ist ja auseinandergegangen. Das war ein Fiasko. Das hätte nie hingehauen. Wir hatten ja auch schon 7 Tausend Euro pro Wohnung in dieses erste Projekt investiert. Die sind ja durch den Schornstein gegangen. Letztens habe ich noch unten beim Umtrunk zu Horst gesagt: Weißt du was bisher die beste Anlage war, das waren diese 7 Tausend Euro. Mit diesen Leuten damals hätte das nie hingehauen. Es hätte nicht gepasst.

So kann man es auch sehen. Sag mal, was glaubst, was man von sich aus mitbringen muss, damit so ein Wohnprojekt funktioniert?
Man darf nicht egoistisch sein. Wenn man alleine lebt, ist man nur für sich selbst verantwortlich, aber wenn man mit vielen zusammen lebt, dann muss man kompromissfähig sein und die Meinung der anderen zur Kenntnis nehmen. Und auch wenn die im Moment für mich nicht direkt zu verstehen ist, muss man drüber diskutieren können und auf einen vernünftigen Nenner kommen.

Und du würdest sagen, das habt ihr geschafft?
Das haben wir geschafft.

Und woran liegt es, dass ihr das geschafft habt?
Woran liegt das? Wir haben uns ja lange bevor wir hier eingezogen sind getroffen. Regelmäßig alle 14 Tage. Und dann konnte man schon die einzelnen Charaktere sehen, wie die so gestrickt sind. Da haben wir auch schonmal kontrovers diskutiert. Und ich verstehe mich natürlich mit dem einen mehr und mit dem anderen weniger gut, das ist ja klar. Mit den meisten komme ich super klar. Aber ich bin ja auch kein einfacher Mensch. Das weiß ich ja auch. Ich bin ehrlich und geradeaus und sage einem, wenn mir etwas nicht passt.

Würdest du denn sagen, dass du dich verändert hast durch das Zusammenwohnen? Vielleicht auch angepasst hast, weil dir das gute Zusammenwohnen so wichtig ist?
Auf jeden Fall. Ja sicher. Damit es funktioniert. Letzten Freitag hatten wir Hausfest, da kamen auch schon andere dazu, die nicht im Verein sind und so geht das immer weiter. Das sind junge Leute, die sind noch keine 30 Jahre alt. Ich finde das gut.

Wir sitzen ja jetzt hier, weil wir uns letztens zufällig im Supermarkt getroffen haben und ich dich gefragt habe, ob du nochmal bereit wärst, mir ein Interview zu geben. Da im Supermarkt hast du erzählt, dass du einkaufst, weil deine Frau zum Essen kommt.
Ja ich bin ja kein … ich koche dann italienisch. Da wird Spaghetti gekocht, dann kaufe ich diese gefrorenen Langusten und dann mache ich die in der Pfanne und dann koche ich noch Muscheln und das kommt dann alles in die Pfanne und dann wird Feldsalat dazu gemacht, eine Flasche Rotwein, und dann sitzen wir hier und essen zusammen.

Das heißt ihr versteht euch gut und habt euch auch viel zu erzählen.
Ja klar. Und wenn im Haus bei ihr was zu reparieren ist, dann mache ich das auch. Ich habe auch den Schlüssel vom Haus und sie hat den Schlüssel von dieser Wohnung hier. Aber wenn, dann klingeln wir oder rufen vorher an. Also das läuft wirklich gut. Ich hätte nie geglaubt, dass ich da die Kurve so bekommen würde.

Hat deine Frau eigentlich einen Freund?
Ja.

Würdest du sagen, ihr redet heute mehr miteinander als früher, als ihr noch zusammen gelebt habt?
Auf jeden Fall. Ich bin fast jeden Morgen bei meiner Frau zuhause. Das rührt aber daher: aus der Nachbarschaft haben die sich vor 9 Jahren einen Hund angeschafft, einen schwarzen Mops. Und als der noch ganz klein war, haben wir den manchmal versorgt, meine Frau und ich. Und so haben wir uns an das Tier gewöhnt. Als ich mich dann getrennt hatte, sind alle Leute, die ich vorher… das sind ja nicht alles Freunde, aber da waren drei Leute drunter, da habe ich gesagt, da kannst du dich drauf verlassen. Da sind die mir alle von der Leine gegangen. Alle. Der einzigste, der mir geblieben ist, ist der Mops gewesen. Und wenn ich nichts zu tun habe, dann frühstücke ich und setze mich um halb 9 ins Auto und fahre dahin. Und dann steht er schon hinter der Tür und wartet auf mich. Und dann gehen wir beiden 2 Häuser weiter zu meiner Frau, und da kriegt er seinen Pudding. Das weiß er natürlich ganz genau. Und dann fahren wir hierhin.

Der Mops und du.
Ja. Und dann koche ich auch schon mal für ihn Kartoffeln oder Nudeln. Die frisst er ja für sein Leben gern. Und um halb drei fahre ich ihn wieder nachhause.

Wie oft die Woche passiert das?
Wenn ich nichts zu tun habe jeden Tag.

Hast du eigentlich Pläne für das nächste Jahr?
Ja, wenn ich gesund bleibe will ich von München bis zum Bodensee gehen, eine Woche am Bodensee bleiben und dann von dort durch den Schwarzwald bis Freiburg. Also keine 800, sondern so um die 500 Kilometer. Aber wieder alleine.

Wie feierst du Weihnachten?
Ja, ich habe jetzt wieder eine Frau kennen gelernt. Ich bin ein Mensch, der schlecht allein leben kann. Ich muss mich mit jemandem austauschen können. Wir treffen uns jetzt manchmal.

Bist du dabei, dich neu zu verlieben?
Ich weiß es nicht. Wir arbeiten dran.

 

Interview mit Karl Arimond vom 23. September 2012.

Interview mit Host Belter, Architekt von Haus ZIEL in Euskirchen.

 
   
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